Das dialogische prinzip

An der Gestalttherapie überzeugt und berührt mich, dass der Kontakt zwischen Klient:in und Therapeut:in, die Beziehung, die sie im Rahmen des therapeutischen Settings miteinander aufbauen, im Mittelpunkt steht. Wir nennen es das „dialogische Prinzip“. Als Fritz und Lore Perls in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts die Gestalttherapie entwickelten, geschah dies in Weiterentwicklung und Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse. Die Erkenntnis, dass die Therapeut:in mehr für die Klient:in erreichen kann, hilfreicher unterstützend wirkt, wenn sie/ er nicht nur Projektionsfläche im Hintergrund bleibt, sondern sich als Persönlichkeit mit eigenem Erfahrungshintergrund, als Gegenüber auf Augenhöhe einbringt, hat mich bereits überzeugt, als ich selbst vor vielen Jahren als Klientin von einer Gestalttherapie profitieren konnte.

Nahbar sein, authentisch, berührbar und nicht von oben herab als Spezialist:in agieren. Nicht in Gefahr geraten zu denken, ich als Therapeut:in könne die Klient:in „heilen“, sondern verstehen, dass jeder Mensch die Kräfte zur Selbstheilung und Weiterentwicklung bereits ins sich trägt. Unsere Aufgabe als Therapeut:innen ist, die Klient:innen in ihrem Tempo und auf ihre ganz eigene Art dabei bestmöglich zu unterstützen, die Kraft und Entwicklungspotentiale wieder freizugeben, in Bewegung zu bringen.

Hier und jetzt

Dabei geht die Gestalttherapie vom Hier und Jetzt aus. Wo hakt es in der jetzigen Lebenssituation? Wo komme ich nicht weiter, hänge fest? Wo und wie fühle ich mich eingeschränkt, unzufrieden, unglücklich? Mit wem und wie gerate ich immer wieder in Konflikte, die keine Auflösung finden? Naturgemäß führen diese Fragen häufig in die Vergangenheit bis in die prägende Zeit der Kindheit zurück. Dort können Situationen und Gefühle noch einmal aufgesucht werden. Immer gibt es einen guten Grund für bestimmte Reaktions- und Handlungsmuster, die von einer lebensnotwendigen, kreativen Anpassung zeugen, die zunächst einmal Wertschätzung erfahren sollte, doch immer mit dem Fokus darauf, wie unter den heute veränderten Voraussetzungen ein anderer Umgang damit im Hier und Jetzt gelingen kann.

das feld

Dabei wird die Klient:in (ebenso wie die Therapeut:in) nicht isoliert betrachtet, sondern innerhalb eines Beziehungssystems, dem sogenannten „Feld“. Das Feld beschreibt die wechselseitigen Beziehungen zwischen Person und Situation, Selbst und anderen, Organismus und Umwelt, Individuum und Gemeinschaft. Dies erscheint mir in einer Zeit zunehmender Verunsicherung und Bedrohungen bezüglich der globalen sozialen, ökologischen und ökonomischen Krisen und Herausforderungen von großer Bedeutung. Es ist wichtig zu verstehen, wie das Feld auf uns wirkt, wir aber auch auf das Feld.

Die Gestalttherapie ist im klassischen Sinne keine Gesprächstherapie. Verschiedene Mittel können eingesetzt werden, den Körper ins Bewusstsein, Gedanken und Gefühle in Fluss zu bringen, mal neue Wege einzuschlagen und neue Erfahrungen zu machen. Dazu gehört auch die Bereitschaft und Freude am Experiment.